Erlebnisse auf der Leipziger Buchmesse 2017

REPORTAGE: LEIPZIGER BUCHMESSE

In einem Moment arbeitet der Motor des Busses noch, frisst sich durch ein Molekül Treibstoff nach dem anderen. Drei volle Stunden lang hatte das metallene Biest Zeit, sich am Treibstoff zu ergötzen und Liter um Liter in Schadstoffe umzuwandeln, die wiederum an der Ozonschicht nagen würden. Im nächsten Moment verstummt das rhythmische Brummen des Motors, an welches sich die Insassen des Busses schon längst gewöhnt hatten. Wäre das Tratschen und Schnattern der Schüler und Lehrer nicht gewesen, hätte der ein oder andere bestimmt die plötzliche Absenz des Geräusches bemerkt und die ungewohnte Stille nicht ausgehalten. Doch ebenso wie jedes sich im Gefährt befindende Individuum mit einem Hirn zum Denken ausgestattet ist, so besitzt jedes auch eine Lunge, welche sie alle ermächtigt, den Gedanken eine Stimme zu verleihen. Und so kam es gar nicht erst zu der Stille, derer sich alle entwöhnt hatten. Mit einem Geräusch, welches beinahe mit einem Seufzer der Erleichterung zu vergleichen ist, öffnen sich die Türen des Busses. Die Masse gerät euphorisch in Bewegung und so belebt wie der rollende Riese eben noch war, so totenstill ist er einige Sekunden danach vorzufinden. Denn mit dem Öffnen der Türen begann das Ausbluten des Busses. Eben noch voll von Leben, voll von Gespräch, voll von allem Möglichen, jetzt völlig leblos, so maschinell und tot, wie ein Bus nun mal auf einem Parkplatz dastand. Lediglich der Busfahrer genießt die plötzlich über den Bus einfallende Stille. Das Frachtschiff hatte angedockt, die Ladung war heil an ihrem Ziel abgeladen. Zeit für den Käpt'n Busfahrer Luft zu holen, Pause zu machen. Draußen vor dem Vehikel tummelt sich die Schülermasse bienenstockartig um ihre Bienenkönigin – in diesem Fall einen Bienenkönig, den Eintrittskarten austeilenden Lehrer. Eine Schülergruppe nach der anderen beginnt, ähnlich der Muslime auf dem Weg nach Mekka, in Richtung des überwältigenden Hallenkomplexes in Richtung Norden zu pilgern. Wobei Norden hierbei subjektiv zu verstehen ist, es könnte ebenso gut immer der Nase nach genannt werden. Aber die Schüler sind zum Glück nicht in Leipzig, um ihre kläglichen angewandten Geographiefähigkeiten unter Beweis zu stellen, sondern um sich der literarischen Feinkost der Leipziger Buchmesse zu widmen.
Wie Überlebenskünstler entscheidet sich die Masse anstelle des gepflasterten Weges den ganz entsprechend des Animationsfilmtitels "Ab durch die Hecke" zu nehmen.  Kurz darauf verschwinden die literaturbegeisterten Jünglinge nach Überwinden der Sicherheitskontrolle allesamt in dem fünfköpfigen Monster. Die Halle macht keinen Unterschied zwischen dick und dünn, schwarz und weiß, klein und groß: ihr Schlund verschlingt alle Erkundungswütigen gleichermaßen. Innerhalb der vier Wände der ersten von fünf Ausstellungshallen pulsiert es vor Leben. Tausende und abertausende von Venen und Arterien durchzogene, mit Herzen und Pulsen versehene Wesen wuseln über die vielen Quadratmeter des Messegeländes. Egal wo der Blick hinfällt, worauf sich das Auge richtet, es ist stets mit mindestens einem Menschen im Blickfeld zu rechnen. Für die meisten der durch die Schule bei der Messe anwesenden ist Messe unbekanntes Terrain, eine unerforschte Welt, ein Kontinent, noch unentdeckt. Denn, anders als die ergrauenden Buchmesse-Stammgäste, auch unter der Titulierung "Lehrer" oder "Freizeitmessebesucher" bekannt, hatten die meisten der Jünglinge ihre Buchmessen-Jungfräulichkeit bewahrt. Die Luft ist dementsprechend schwanger mit Erwartungen, jeder Atemzug brachte eine neue hervor. Die einen erwarten neue Bestseller zu finden, andere freuen sich auf die sagenumwobenen "Cosplayer", wieder andere versprechen sich von dem Ereignis eine Schatzsuche. Welcher Stand versteckt in den Reihen seiner Regale das besondere Etwas? Das kleine, wertvolle Andenken, versteckt inmitten des Krimskrams eines sonst uninteressanten, charmlosen Standes; den Eyecatcher mit magischer Anziehungskraft; das, wovon man nicht weiß, dass man es braucht, bis man ihm gegenübersteht. Wer würde sich fühlen wie ein erfolgreicher Pirat, der in der hintersten, dunkelsten Ecke der See den Schatz gefunden hat, und wer würde sich fühlen wie ein Verdurstender in der Wüste, hereingefallen auf eine Fata Morgana?
Direkt nach dem Eintreten in die Halle ist es, als würden zahlreiche, unsichtbare Keile in die zuvor homogene Masse getrieben. Wie, wenn von einem fragilen Bergstück, einer Klippe, Steine abbröckeln. So bröckeln Gruppe von Schülern nach Gruppe von Schülern von der Masse ab und kämpfen sich durch die Fluten der Messe, das Labyrinth der Stände, entziffern die rätselhaften Symbole und Zeichen an den riesigen Schildern, welche verraten wo was zu finden ist. Einige mutige begeben sich sogar alleine in das Schlachtfeld, wagen es, das Labyrinth auf sich gestellt zu bezwingen.
Das erste Ziel der meisten ist Halle 1. Halle 1, ein riesiger Magnet, die Pole, zu denen alle hin gravieren, wird gebildet aus bunten, befremdlich verkleideten Menschen, Ständen übervoll mit Produkten, die Fans von Videospielen, Mangas und sonstigem begeistern. Dinge, die kaum mit Büchern in Verbindung zu bringen sind füllen die Halle. Dennoch hat Messehalle 5 eine Anzüglichkeit wie keine der anderen, war gewissermaßen das Abstrusitäten-Kabinett der Buchmesse. Normalsterbliche vermischen sich dort mit Figuren aus anderen Welten, wolfartigen Wesen mit mehreren Schwänzen, die es pflegen, sich zweibeinig, in Kimonos bekleidet und komisch beschuhten Füßen fortzubewegen. Hat der junge Buchmessebesucher sich erfolgreich im Dschungel der Andersartigen ausgetobt und sattgesehen, kann er nun, den Durst auf das Seltsame gestillt, sich dem Rest der Veranstaltung widmen. In den anderen vier Hallen winden sich trotz dessen ebenso viele Körper aneinander vorbei, ein Meer von unterschiedlichsten physischen Massen, welches sich in einem konstanten Hochwasserzustand befindet.
Die Windungen und Kurven, die Struktur nach der die Stände aufgebaut sind, verliert nach der ersten Stunde den Labyrinthcharakter; nach der zweiten beginnt ein jeder sich einzubilden einen Sinn von Orientierung entwickelt zu haben.  Dennoch geschieht die meiste Fortbewegung instinktiv. Immer der Nase nach, der Besucher in einen animalischen Zustand zurückversetzt. Sieht er etwas, das sein Interesse weckt, ist jeder andere Plan vergessen und das Ziel schlagartig ersetzt durch einen neuen Stand. Schüler mögen sich zwar, brav und gehorsam wie sie sind, zuvor einen Plan gemacht haben, nachdem sie die Buchmesse zu durchforsten gelobten, doch es stellt sich in der Wirklichkeit als sehr schwer heraus, diese Pläne wirklich einzuhalten. Man weiß sich glücklich zu schätzen, wenn man eines der Events, welches das organisierte Köpfchen herausgefiltert hat, tatsächlich findet. So geht es wohl einigen Schülertruppen, als sie am Poetry-Slam-Event vorbeikommen, stehen bleiben, und ins Staunen versetzt den Worten, der Poesie, den so anschaulich, echt, gefühlvoll (ja, es ist kaum in Worte zu fassen, wenn die Seele eines Menschen tatsächlich bewegt wird) vorgetragenen Texten lauschen. Wie es der Zufall, oder das Schicksal, vielleicht auch einfach die pfiffigen Organisatoren der Buchmesse wollten, finden sich hier viele Schüler, Bekannte, Besucher wieder, die sich in den restlichen Wellen der Messe nicht einmal begegnet sind. Man mag es fast wagen das Poetry-Slam-Event als Ruhepol der Buchmesse zu bezeichnen. Die zuvor massenhaften Reize (Farben! Verschiedene Stände! Die unterschiedlichsten Gesichter!) werden auf einen, vielleicht zwei reduziert (Den Poetry Slammer und seinen Text oder seine Stimme, wobei diese drei verständlicherweise nicht als heilige Dreifaltigkeit der Ruhevereinigung gesehen werden müssen, sondern auch als eine Einheit betrachtet werden dürfen). Nachdem dieses Spektakel beendet ist und die Zuschauer sich geerdet, in emotionale Ekstase versetzt zurück in das Tohuwabohu stürzen, löst sich der Ruhepol logischerweise auf. Dennoch, diese eigene Form der Poesie hatte ihre Wirkung auf die Zuschauer.
Mittlerweile ist es längst nach Mittagszeit, der große Zeiger hat seitdem zweimal die zwölf gestrichen, und die Magen unserer Besucher melden sich zu Wort. Mit ihnen, aufs Kommando getrimmt, avanciert der Geruchssinn des Menschen zum vorherrschenden Sinn. Von überallher dringen Gerüche auf die Nase ein, und es lohnt sich nicht, zu zweifeln, dass die Auswahl an Essensständen mehr als ausreichend ist. Der Besucher tut sich schwer mit der endgültigen Auswahl seiner Speise, entscheidet sich letztendlich zumeist aber zugunsten seiner Sparbüchse. Wie schön es bloß wäre, würde einem das Essen hier - gleich der Broschüren, umsonst in die Hand gedrückt. Da es aber so nicht ist, haben die schlauen Füchse entweder einen vollen Geldbeutel oder eigens mitgebrachten Proviant bei sich. Mittlerweile ist der Geist des Besuchers ermattet. Die Stunden, die auf dem Messegelände schon verbracht wurden, sind zwar zweifellos schön gewesen, dennoch ist ein so junges Beinpaar nicht an so viele Schritte gewöhnt, ein so junges Augenpaar nicht an so viele visuelle Reize, ein so junges Geruchsorgan nicht an so viele Gerüche. Und so fällt dem Jungspund, der vor seiner Speise noch freudestrahlend über das Messegelende schweifte, nun die Decke über dem Kopf zusammen. Eine ungewohnte Müdigkeit vernebelt die Sinne des jungen Besuchers zu ungewohnt früher Stunde und, wie könnte es anders sein, ist der Mensch doch auch nur Sklave seiner Bedürfnisse, gönnt sich eine Pause.
Nachdem unser Besucher – erfolglos – versucht, sich eine Pause in der Übergangshalle aus Glas zu geben, pilgert er weiter. Denn die Übergangshalle, mehr wie eine Brutkammer aus Glas, ist heiß, stickig und größtenteils sitzplatzfrei. Also findet der ermattete Wissbegierige schließlich in irgendeiner der Hallen einen Sitzplatz und kommt tatsächlich zu der ersehnten Pause.
Der omnipräsente Beobachter will seinen Subjekten der Beobachtung zwar nicht böse nachreden, muss aber, ohne dieses Verhalten zu verurteilen, feststellen, dass unsere ausgelaugten Besucher nach ihrer Verschnaufpause zwar noch weiter durch die Hallen schlendern, allerdings ohne, dass ihnen großartig etwas auffällt. Dies fällt nicht dem Desinteresse eines Besuchers zu schulden, sondern wohl eher dem Nicht-Trainiert-Sein. Denn: welcher Durchschnittsschüler frequentiert regelmäßig Messen verschiedenster Arten? Kaum einer. Demzufolge ist es durchaus verzeihlich, wenn unsere Schüler und Schülerinnen nun langsam die weiße Flagge heben und sich im Angesicht der Reizfülle ergeben.
Ja, die Leipziger Buchmesse, sie ist wahrhaftig Stoff für einen angenehm zu lesenden Book-Blog-Eintrag, einige "Underdog"-Bücher findet derjenige, der mit offenen Augen die Stände begutachtet und auch für Schaulustige hat die Messe mehr als genug zu bieten.
Und nun, erneut draußen vor dem schlafenden Bus, reversiert sich der Vorgang des Vormittags und die Rückreise wird angetreten.

Calista Reimers

Ein Tag im Gewächshaus

Aufgewühltes Geplapper reißt mich aus einem leichten Schlaf. Ruhig sehe ich mich um und bemerke, dass sich meine Mitschüler bereits ungeduldig aus dem Bus drängeln. Ich tue es ihnen gleich. Mein Blick wandert über einen riesigen Parkplatz, auf dem sich nicht nur unzählige Busse und Autos finden, sondern auch Gruppierungen aus Besuchern und Schülern unruhig und ein wenig orientierungslos den Weg zum Messegebäude anstreben. Tatsächlich fällt unserer kleinen Reisegruppe die Orientierung anfangs ähnlich schwer, weshalb wir uns entschließen, der Masse zu folgen. Bevor das Gebäude tatsächlich betreten werden darf, müssen wir unsere Taschen zu einer Kontrolle preisgeben. Ein flüchtiger Blick in die Tiefen meines Rucksacks, ein kurzes Nicken zur Bestätigung und mein kleines Abenteuer in Leipzig auf der Buchmesse kann beginnen.
In der Halle angekommen lasse ich meinen Blick durch die Gänge streifen. Neben mir diskutiert eine ältere Frau lautstark mit ihrer Enkelin, von irgendwo ertönt Musik, die jedoch in dem lauten Gebrabbel der Masse untergeht. Da ich nur schwer einen Überblick finde, strebe ich mit meinen Begleitern Eileen und Gina gemeinsam die kleine Infostelle am Rande der Halle an und bitte die Frau mit den blonden Haaren durch eine Glasscheibe hindurch um einen Plan. Natürlich haben wir uns über die verschiedenen Darstellungen, Angebote und Themengebiete informiert, bevor wir zur Messe gefahren sind. Nach einer kurzen Absprache einigen wir uns darauf, die Vorstellung über „Work and Travel“ anzuhören.
Bevor jedoch der Vortrag beginnt, bleibt uns noch ein wenig Zeit, die wir in der Buchabteilung verbringen. Hier und Da stöbern vereinzelte Besucher interessiert in den dicken oder dünnen Papierbänden. Der Raum ist in verschiedene Themengebiete gegliedert. Fantasie, Sport, Wissenschaft, Ernährung, Familie… - Pädagogik! Mit schnellen Schritten steuere ich im gleichförmigen Takt auf die Abteilung zu, die sich mit dem Umgang mit Kindern beschäftigt. Ohne auf die Titel oder Autoren zu achten, ziehe ich immer wieder beliebig ein Buch aus dem Regal und lese einige Seiten, bevor ich es wieder zurück an seinen Platz stelle. Ein wenig enttäuscht schüttle ich den Kopf, als ich einen scheuen Blick auf die Preise wage.
Plötzlich vibriert mein Mobiltelefon in meiner Hosentasche. Gina ruft an, denn unsere Vorstellung über „Work and Travel“ beginnt in wenigen Minuten! Zielstrebig machen wir uns auf den Weg in die richtige Halle und den dafür vorgesehenen Raum. Die fünf Gebäude der Messe sind durch Tunnel miteinander verbunden. Als wir den ersten durchqueren, wirkt dieser auf mich wie eine gewächshausartige Brücke. Unter uns betrachte ich einen See, in dessen Wasser sich die Sonne klar spiegelt. In der Wärme sonnen sich vereinzelt Jugendliche meines Alters. Einige von ihnen unterhalten sich aufgeregt miteinander und werten vermutlich ihre ersten Eindrücke der Messe aus, andere genießen ihre kleine Pause mit einem Snack. Allein der Anblick genügt und meine Wangen werden immer wärmer, mein Atem schwerer. Ich verweile einen Moment, bis mich der gleichförmige Strom der Masse zum Voranschreiten auffordert. Ein Mädchen, das mir entgegen kommt und sich sehr von der Menge abhebt, reißt mich schließlich aus meinen Gedanken. Die langen, fast weißen Haare sind mit einem braunen Stirnband zusammengebunden und wirken ein wenig zerzaust. Das grüne, figurbetonte Kleid, bestickt mit vielen Totenköpfen, reicht ihr bis zu den Knien. Darunter kommt eine schwarze, zerrissene Hose zum Vorschein. Ich vermute, dass das Mädchen auf dem Weg zur ersten Halle ist, da sie dort weitere Verkleidete antreffen wird. Mein Blick wandert weiter zu einem Geschäftsmann im schwarzen Anzug, welcher mir ein wenig hektisch und orientierungslos erscheint. In der einen Hand der Kaffeebecher, in der anderen eine braune Tasche - Er braust energisch an meinen Freundinnen und mir vorbei. Immer wieder begegnen uns ältere Damen und Herren, die in der Masse ein wenig verloren wirken. Selbst junge Mütter mit Kinderwagen lassen sich das Ereignis nicht entgehen.
Schließlich kommen wir in eine große Übergangshalle. Ich betrachte die hohe Glaskuppel über mir und lasse meinen Blick so lange auf dem blauen Himmel verweilen, bis meine Augen schmerzen. Erst jetzt bemerke ich, dass mir immer wärmer wird. Eine unangenehme Hitze durchströmt meinen Körper. Überall tummeln sich Personen und Gruppen, die sich als große Masse nur langsam vorwärts bewegen. Darunter erhasche ich Blicke auf einige wenige gehetzte Gesichter, die zügig von einer Halle zur anderen gelangen wollen. Bevor Gina zielstrebig einen Kaffeestand ansteuert, an dem die Preise ziemlich hoch sind und sie für einen kleinen Becher über vier Euro bezahlt, zücke ich meine Kamera und halte die unglaubliche Masse der Menschen unter der gläsernen Kuppel fest.
Einige Schnappschüsse später höre ich ein kratzendes, dumpfes Geräusch, welches mir unbekannt erscheint. Suchend sehe ich in die Ferne, bis sich mein Blick schließlich auf den Boden richtet. Ein grauer Stock wird mit gekonnten Bewegungen zügig von rechts nach links geschwenkt, dahinter steht eine Frau mit grauem Haar, die Augen nur leicht geöffnet. Der Gehstock streift immer wieder über das matte Grau, begleitet vom Gebrabbel der Frau. Sie spricht zu sich selbst, um sich zu orientieren. Für mich ist der Lärm in der Halle bereits nervig und die Orientierung fällt mir schwer. Ich bewundere die Dame, welche elegant an mir vorbei schleicht und ihren Weg zum nächsten Tunnel einschlägt.
Auch meine Freunde und ich machen uns nun auf zum Hörsaal für die Vorlesung „Work and Travel“. Dort angekommen finden wir drei Stühle in der hintersten Ecke. Trotzdem haben wir ein sehr gutes Bild auf die zwei Frauen, die uns ihre Reise nach Australien in 90 Minuten darstellen wollen. Es riecht nach Kaffee und Keksen. In den ersten Reihen sitzen bereits junge Mädchen in dicken Jacken, aber auch ein älteres Ehepaar. Tatsächlich ist es ein wenig kühl im Raum. Am Beginn der Vorlesung zeigt die sympathische Frau mit den schwarzen Haaren ein Video über ihre ersten Eindrücke und erklärt die Vorteile von Australien. Der Vortrag ist zwar sehr gut gestaltet, trotzdem stellt sich für mich jedoch klar, dass ich wahrscheinlich eine andere Richtung nach meinem Abitur einschlagen werde. Ich verlasse die Vorlesung ein paar Minuten früher und trenne mich von meinen Freundinnen, um mir eine andere Vorstellung anzusehen.
Zügig bahne ich mir den Weg durch die Masse und achte dabei wenig auf mein Umfeld. Eins, zwei Blicke auf meinen Plan, drei, vier Schritte weiter und schon bin ich in der anderen Halle angekommen. Rasch suche ich den Platz der Vorstellung. Eine kleine, aus Holz gefertigte Erhöhung bildet die Bühne, vor welcher fünf Bankreihen stehen. Ich sehe einige meiner Freunde und bahne mir durch das Chaos, das vor und neben der Bühne herrscht, den Weg zu ihnen. Freudig lasse ich meinen Rucksack fallen und setze mich zu Marius auf den Boden. Als ich meinen Blick durch die Menge streifen lasse, bemerke ich, dass noch viele weitere Schüler des Gymnasiums Lüchow an dieser Vorstellung teilhaben möchten. Wie auf Kommando verstummt das Gebrabbel der Masse. Der Moderator tritt mit zwei weiteren Personen auf die hölzerne Erhöhung. Der Mann im schwarzen Anzug bedankt sich knapp für das breite Publikum und recht zügig tritt dann der erste Dichter auf die Bühne. Bevor er beginnt, seine Werke so spannend und aufregend wie nur möglich vorzutragen, rückt er seine Brille zurecht und fährt sich mit der Hand durch die braunen Haare und den Bart. Ich habe vermutet, dass er einen Zettel aus der Tasche seines schwarzen Hemdes ziehen würde, doch der Künstler kennt sein humorvolles Stück so gut, dass er keine Stütze braucht. Laut beginnt er seine ersten Sätze. Die Masse lauscht, oft ertönt Gelächter. Auch ich werde gelegentlich zum Schmunzeln verleitet. Als er endet, erfolgt lauter Beifall. Dann tippelt der zweite Darsteller auf die Bühne. Der Moderator hat zuvor erklärt, dass der Künstler nie etwas aufgeschrieben hat. Alles, was er sich überlegt, behält er im Kopf. Aus meiner Perspektive erblicke ich zunächst zerzaustes Haar, das bis übers Ohr reicht. Einige Strähnen hängen mitten im Gesicht. Dann erscheint ein schlaksiger Körper in einem olivgrünen Strickpullover und schließlich sehe ich den jungen, sehr sympathischen Mann. Der Engländer tritt das erste Mal in Deutschland auf. Häufig hebt er die Hände, um den Ausdruck seiner englischen und sehr emotionalen Texte zu verstärken. Die Stimme wirkt sehr hell und traurig. Das letzte Wort verklingt, Beifall folgt. Die beiden Künstler wechseln sich immer wieder ab und sind Meister auf ihrem Gebiet des Poetry-Slams. Die Texte des ersten Dichters, Michel Kühn, stellen meist ernste Themen sehr lustig dar. Interessant finde ich ein Werk, in dem er „Meter-Meter-Ebenen“ nutzt. Er verpackt immer wieder eine Geschichte in eine weitere Geschichte. Das Zuhören fällt mir  schwer, da seine Stimme sehr laut und hart klingt, aber trotzdem lausche ich seinen Worten gern. Der zweite Dichter, Toby Thompson, arbeitet mit sehr gefühlvollen Texten, die mich wirklich zum Nachdenken anregen. Ich verstehe zwar nicht alle englischen Wörter, doch durch seine Betonung und die Art, wie er seine Gedanken vorträgt, lässt sich der Zusammenhang leicht erschließen.
Nachdem die Vorstellung beendet ist ertönt ein letztes Mal lauter Applaus, in den ich gern einstimme.
Dann ziehe ich mit Schülern des Gymnasium Lüchow weiter und erkunde die restlichen Hallen. Bald kommen wir an einer alten Buchdruckmaschine vorbei. Marie wirft ihre blonden Engelslocken züruck und wählt entschlossen ein Motiv. Sie lässt sich mit dem alten Gerät aus braunem Holz eine Karte drucken. Ein Mann schmiert pechschwarze Druckerfarbe auf die alten Ziffern. Danach klappt er die Holzteile gekonnt aufeinander. Ich lausche dem beruhigenden Klimpern der Nummern und Buchstaben und halte einen Moment inne. Zur gleichen Zeit stellt meine Freundin dem Mann an der alten Maschine neugierig sehr viele Fragen. Ich bemerke, wie ihm eine unerträgliche Wärme durch die Adern schießt. Schließlich bittet er seinen älteren Kollegen mit wenigen grauen Haaren auf dem Schopf zu Hilfe. Wir erfahren, dass das Papier, das zum Drucken verwendet wird, bereits vorbedruckt ist und 120 Gramm schwer ist. Zufrieden und mit einem Lächeln im Gesicht verabschieden wir uns und tauchen wieder in der Masse unter.
Einige Freunde kommen uns entgegen und ich schließe mich erneut einer anderen Personengruppe an. Mit Leon und Janne geht es in die erste Halle – der Ort, an dem sich die Verkleideten tummeln. Auch meine Freundin hat weder Kosten noch Mühen gescheut und steht in einem schwarzen Kleidchen vor mir. Dazu trägt sie Kniestrümpfe und Lackschuhe in derselben Farbe. Wir nähern uns einem Uhrenstand und stöbern eine Zeit lang. Unzählige, tickende Objekte in verschiedenen Formen und Farben hängen von der Decke herab. Hinter dem Stand erblicke ich Verkäufer, welche bereits angestrengt an neuen Werken arbeiten. Nach einigem Überlegen entscheide ich mich für eine Uhr mit schwarzem Ziffernblatt und wunderschönen Verzierungen, die sich um den Hals tragen lässt. Mir gefällt der antike Stil. Ich reiche dem Verkäufer den zerknitterten Schein und lege mir mein neues Schmuckstück beinah sofort stolz an.
Janne und Leon erzählen mir derweil etwas über „Cosplay“ (die Verkleidungen). Sie stellen mir einige Charaktere vor und ich bin begeistert darüber, wie viel sie über dieses Gebiet wissen. Zügig strebt meine Freundin einen abgetrennten Bereich an. Unwissend darüber, wohin wir gehen, folge ich ihr. „Japanischer Teegarten“ – Das steht auf einem Schild, das über dem Eingang eines Raumes hängt. Als ich eintrete, fallen mir sofort die ungewöhnlichen Sitzmöglichkeiten auf. Verkleidete Personen drängeln sich auf bunte Sitzsäcke und Kissen auf dem Boden oder an japanische Tische mit sehr tiefen Bänken. Der Teppich und die Wände sind grün. Weiße Lampen an den Seiten tauchen den Raum in ein angenehmes Licht. Ein sinnlicher Teegeruch steigt mir in die Nase. Ich bemerke, dass ich die einzige Person in dem Raum bin, – mit Ausnahme der Verkäuferin, die hinter dem Tresen steht und ihren selbst gemachten Bio-Tee verkauft und meinem Schulfreund Leon– die sich nicht verkleidet hat. Leon stellt sich in die lange Schlange und spendiert uns für jeweils einen Euro kleine Becher, gefüllt mit Tee der Sorte „Magic Africa“. Wir Mädels suchen in der Zeit einen Platz und lassen uns erschöpft auf die tiefen Holzbänke fallen. Interessiert betrachte ich die Bilder japanischer Menschen an der Wand. Das Foto einer älteren Frau mit leichten Falten und schwarzen Augen finde ich besonders schön. Die Haut ist bereits schlaff und bleich, doch ihr Blick verbreitet Lebensfreude. Interessiert lese ich die kleine Schrift unter dem Bild: „Augen können genauso sprechen wie der Mund.“
Bald hockt sich Leon mit den Getränken neben mich. Dankend nehme ich den Becher in meine Hände und nippe vorsichtig an der heißen Flüssigkeit. Der Tee schmeckt nach Rooibos. Mein Körper entspannt sich und verbreitet dankend eine angenehme Wärme in mir.
Ein Blick auf meine neue Uhr verrät mir, dass wir bald den Weg zum Parkplatz und damit der Rückfahrt anstreben sollten. Meine Füße schmerzen bei jedem Schritt. Auf dem Weg hinaus betrachte ich noch einmal die vielen bunt angemalten Gesichter und die tollen Kostüme. Wir verlassen zügig das Gebäude. Zeit zum tief Luft holen nach einem Tag im Gewächshaus bleibt uns nicht, da wir Angst haben, wir würden uns verspäten und die Abfahrt verpassen. Wir hetzen also über den großen, sandigen Parkplatz in Richtung des Busses und lassen uns dort angekommen erschöpft in die weichen Polster der Sitze fallen. 

Annika Faescke

Das Taschensyndrom

oder: Ein Gehirn geht auf der Leipziger Buchmesse spazieren

Aufruhr. Geschrei. Bitte bleibt in euren Gruppen. Ja, Eintrittskarten bekommt ihr erst draußen. Falls etwas ist, ihr habt meine Handy-Nummer. Hell. Die sehen aber schick aus. Japanisch. Raffiniert! Aber eine Kunstperücke. Pass doch auf! Also, ich habe mir ja so viele Sachen rausgesucht, ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hingehen… Hier ist deine. Und deine. Und deine. Nimmst du eine für ihn mit? Und deine. Hat er nicht. Hey! Das war meine. Dann wohl die nächste. Hab‘ ich alles mit? Sicher??? Wo ist meine Gruppe?
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So ein schönes Wetter, obwohl etwas kalt an den Füßen. Oh nein, ich habe mein Handy im Bus vergessen! Sollen wir auf dich warten? Nein, geht schon mal vor. Hoffentlich stolpert sie nicht.
Da durch? Taschen bitte öffnen. Okay, viel Spaß auf der Messe. Tasche bitte öffnen. Okay, viel Spaß auf der Messe. Tasche bitte öffnen. Leipziger Buchmesse. Leipzig liest. Drücken.
Hast du etwa deine Karte verloren? Wie? Auf dem Weg vom Bus bis hierher? Ernsthaft? Rote Wände. Parkstühle. Langnese-Eis. Tageskarte. Day ticket. Tag der Fahrt bitte ankreuzen. Einm. Hin- u. Rückfahrt. Messegelände in den MDV- Zonen 110; 151; 156; 162; 163; 168; 210; 225. Leipziger Buchmesse. 23. Antiquariatsmesse. Manga-Comic-Con. 23.- 26. 3. 2017.
Wow, ist es warm hier! Hell. Lassen Sie mich bitte vorbei. 23, 24, 25, Mama, schau doch mal! 27, nein 28 Flaggen. Och Manno, jetzt habe ich mich verzählt. Eins, zwei, drei… Foto! Kannst du bitte unsere Sachen halten? Super! Noch eins! Wohin jetzt?
Zwei Cosplayer haben gerade ein Fotoshooting draußen am „See“. Eine Cosplayerin schadet ihrer Gesundheit mit einer Zigarette in ihrer linken Hand. Sieben Wohnmobile stehen draußen angereiht aneinander, wie auf einer Perlenschnur. Die Satellitenschüsseln sind so groß, dass man darin Wasser für durstige Kinder in Afrika auffangen könnte.
Sie sind hier. Lageplan. Da will ich hin. Freies W-LAN? Von hier nach dort. Warum sitzen diese Kinder auf dem Boden? Ist ihnen nicht kalt? Bundeszentrale für politische Bildung. So eine schöne Tasche. So ein großer Junge! Wow. Unter diesen Menschenmassen bewahrt er den besten Überblick. Wie groß seine Schuhe wohl sind?
Noch ein Tunnel. Glaswände. Sea life, nur umgekehrt. Wie ein Hamster laufe ich durch die Glasröhren zu den verschiedenen Käfig-Elementen. Die Bücher, Leseproben, sind das Futter, wovon ich so viel wie möglich in meinen Taschen hamstern will. Die Tropfen auf meinem heißen Stein der Neugier. Sie versuchen, meinen Wissensdurst zu stillen. Tropfen für Tropfen. Frage um Frage.
Sogar mein Freund und Helfer ist hier. Die Grammatik-Polizei! Sie sorgt dafür, dass sich ja kein Buchstabe aus der Rechtschreibreihenfolge eines Worts entfernt. Ernsthaft. Wen wollen sie verhaften? Einen Bücher-Dieb! Nein, sie sorgen anscheinend nur für die Sicherheit hier.
Und wie lange haben Sie für Ihr neues Buch gebraucht? Nun, zuerst einmal bin ich geschmeichelt, dass ich heute bei Ihnen sein darf. Für mein neues Buch „Titel bitte hier einfügen“ habe ich in der Tat zwei Jahre gebraucht, bis ich mit dem letzten Schliff zufrieden war. Zwei Jahren?! Zwei Jahre. Erstaunlich! In der Tat. Würden Sie uns bitte daraus eine Textpassage vorlesen? Schhhh, sei still, sagte er. Ich muss dir etwas sagen, etwas Nettes. Und dafür muss ich meinen Mut zusammennehmen. Jeder Moment, den ich mit dir verbringe, lässt die Zeit schneller vergehen. So, als wäre die Zeit wie Wasser in einem Fluss, das versucht, schneller zum Meer zu gelangen, und somit näher und mehr und immer mehr von dir. Kitsch.
ZDF. ARD. MDR. So viele Fernsehsender. So eine tolle Tasche. Wo gibt es solche Taschen? Eine Sitzecke! Halle 5? Nein, Halle 1. Bist du sicher? Ja, ganz sicher. Dann los.
Lichtdurchflutet. Sonnenstrahlen durchbrechen mit Leichtigkeit das Glasdach des Hauptglaskastens. Die Strahlen sind dabei so gleißend hell, dass man annehmen könnte, sie würden Messebesucher in den Glaskasten beamen. Die Reflexionen formen kleine Vierecke und erzeugen so ein Mosaik aus Lichtpunkten am Boden.
Literarisches Quartett. Lass uns doch nicht rumstehen! Haben wir sie jetzt verloren? Ich hoffe, nicht schon wieder. 11:53 Uhr. Mittag. Lass uns endlich in die Manga-Halle.
Belle! Alice! Kannst du bitte meine Tasche halten? Super! Noch eins! Dankeschön.
Glasröhre. Komm auf die dunkle Seite! Schatten. Noch mehr. Sailor Moon, Pokémon, Sherlock, Herr der Ringe, Chichiro. Japan. Wow.
Ich geh schon mal vor. Verlauf dich nicht! Ich pass‘ auf. Sie wird sich verlaufen.
Zwischen den Ständen versuchen sich Cosplayer verschiedenster Genre mit ihren Kostümen zu übertrumpfen. Die seltensten gehen hierbei als klare Sieger hervor, da selbst ungeübte Augen die Primitivität der meisten Kostüme mit Leichtigkeit erkennen können. Bereits der Körperbau der meisten Cosplayer kann dem Körperbau ihres Originals nicht gleich werden, was zum Teil an den unmöglichen Proportionen der Figuren liegt.
Die spinnen doch, die Japaner. 10 Euro für eine Tüte japanischer grüner Tee KitKat. Wer auch immer das Merchandising erfunden hat, der würde sich beim köstlichen Anblick der gesalzenen Preise auf die Schulter klopfen. Verrückt. Kunstfell. Kunsthaarperücken. Kunstvoll inszenierter Mangawahn. Sherlock! Kannst du bitte meine Sachen halten? Foto! Super. Noch eins!
Oh, Messearmbänder! Eins für dich. Und eins für dich. Und dich. Möchtest du auch eins?
Wann gehen wir in Halle 3? Wo ist sie? Gewusel in der Glasröhre. Hoffentlich stechen sie sich nicht ins Auge. Ich kann da gar nicht hinschauen. Manga-Kontaktlinsen. Hell. Dunkel. Boah, das sieht ja cool aus! Sieht es nicht. Ich habe es dir ja gesagt! Wie ein Zombie! Selfie.
Currywurst. Pommes. Ketchup. Höchst exklusives kulinarisches Angebot hier. Glasröhre. Hell. Dunkel.
Hell. Manga-Mädchen in der Ecke. Tigerentenklub! Janosch. Tigerente. Ich war noch nie in Panama. Kindheitstraum. Weil ich da noch niemals war.
Sehr gebildet hier. 14 Globen. Kannst du das bitte für mich halten? Foto! Super. Noch eins! Dankeschön. Dichtes Gedränge durch die überfüllten Gänge, während Finder ihre Antwort suchen.
G150, G151, G152, G153. Wo ist sie? Sachsen. Ein Kinderbuch. Wenn ich das jetzt kaufe, kann ich es noch zurückgeben? Ja? Aha. 13:28 Uhr. Vortrag, Veranstaltung. Applaus. Mobile Kasse. Poetry Slam? Später. Wann? Später.
Aus dem Tag eines Metalheads. Um 6 Uhr morgens klingelt pünktlich der Wecker. Als Weckruf ertönt ein fröhliches Black-Metal-Lied. Auf die Frage, warum die Musik so laut sein muss, opfere ich Muttis Wellensittich dem Teufel. Wo bin ich hier gelandet??? Wie komm ich hier wieder raus? Menschenmassen treten einem auf die Füße, wenn man versucht, aus der Reihe zu tanzen.
Poetry Slam. Ein Geologe? Ein Engländer. Deutsch. Englisch. Deutsch. Englisch. Liebesgedicht an die Steine. The Feeling of being lonely at sunset. Der Spiegel. Schöne Tasche. Warum hat jeder hier eine Tasche? Interessanter Gedanke. Vielleicht sollte ich Geowissenschaften studieren. Schlechter Gedanke. Schicke Hose. Flechtfrisur. Da sind die anderen! Aus meinem Jahrgang. Mädels! Kannst du mal meine Sachen halten? Foto! Super. Noch mal!
Zurück mit dem Buch. Stehender Marsch. Halt, stopp. Links, zwo, drei, vier. Links, zwo, drei, vier. Zurück, zurück, zurück. Immer weiter werde ich in den Bücherdschungel zurückgesogen.
Unumtauschbar?!? Sie haben mir doch versichert, dass es möglich sei, es zurückzugeben. Anscheinend nicht. Ich habe noch einmal nachgefragt. Haben Sie das? Aha. Das ist leider nur in der Messebuchhandlung in Halle 2 möglich. Halle 2? Halle 2. Danke. Gern geschehen. Nicht dankeschön. Auf zu Halle 2.
Glasröhre. Hell. Warm. Gruppen von Jugendlichen liegen auf den Rasenflächen des Messegeländes. Ach, hätte ich doch nur ihre Zeit! Vielleicht würde ich alles schaffen. Dunkel. Kühl. Sie stehen hier. Ich will da hin. Dann los. Glasröhre. Hell. Dunkel. Wow.
Stipendien. Flyer. Schulbücher. Dürrenmatt. Besuch der alten Dame. Wo? Oh, ein Prospekt. Sogar die Leiden des jungen Werthers. Es sollte die Leiden des jungen Abiturienten heißen.
Wo sind sie? Zurück. Vorwärts. Zurück. Für jeden Schritt zurück zwei Schritte vorwärts. Messebuchhandlung. Hier. Da. Mobile Kasse. Gehen Sie bitte dafür an die Hauptkasse. Wo ist sie? Da drüben. Dankeschön. Reclam. Tasche? Tasche! Wo? Hallo. Ich würde gerne dieses Buch zurückgeben. Mir wurde versichert, das sei hier möglich. Da muss ich den Chef fragen. Okay. Warten.
Leipzig liest. Grünes Oberteil. Hier, Ihren Bon. Bitte sehr. Noch einen schönen Tag auf der Messe wünsche ich Ihnen. Also, der Chef sagt, dass das leider nicht möglich ist. Umtausch? Nein, leider auch nicht. Vielleicht finden Sie ja noch ein schönes Buch! Es gibt ja so eine große Auswahl! Vielleicht. Schönen Tag noch und viel Spaß auf der Messe! Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen. Danke. Ihnen auch. Das hat mir jetzt ungefähr so viel weitergeholfen wie ein Zettel mit der Aufschrift „Bei sprachlichen und literarischen Schwierigkeiten bitte folgende Nummer wählen“ einem Legastheniker weiterhilft.
Wo sind sie? Rote Mauern. Langnese-Eis. Tumult. Und Sie werden heute aus Ihrem neuen Buch vorlesen. Kenn‘ ich schon. Langenscheidt. Tasche? Es gibt hier keine! Wo? Dort? Wirklich? Ja, dort! Hallo, ich bin hier?!
Möchten sie vielleicht die ZEIT abonnieren? Ja ich hätte gerne mehr Zeit. Bitte hier den Namen ausfüllen. Und hier die Adresse. Und hier der Wohnort. Und das Alter. Sind Sie schon achtzehn? Nein. Nein?! Noch nicht volljährig. Nein. Nein… dann ist ein Abonnement für Sie leider nicht möglich. Tut mir sehr leid. Schade. Mir auch. Ich hätte sie wirklich gerne abonniert. Okay. Sie erhalten aber trotzdem eine Tasche für Ihr Bemühen. Dankeschön. Tasche? Tasche?? Tasche!!! Endlich.
Und dort, dort sind sie. Ihre winkenden Arme stechen aus der Menschenmenge heraus, wie Windradrotorblätter. Wir haben dich überall gesucht! Du warst weg. Hat es geklappt? Nein. Nein? Das tut mir leid. Wenn mein Buch ein Tagebuch von seinem Aufenthalt auf der Leipziger Buchmesse schreiben könnte, würde es mich spätestens jetzt hassen.
15:42 Uhr. Knapp eine Stunde. Schulklasse am Boden. Zwölfjährige tippen auf ihre Smartphones ein, als ob darin ihr ganzer Sinn im Leben bestünde. Jugend von heute. Ursula! Kannst du mal bitte meine Tasche halten? Foto! Super. Noch eins!
Nutella-Kochbuch. Erwachsenenmandala. Fußball-Legenden. Drachenhüter. Elfenmalbücher. Halle 2? Nein, Halle 3. Zurück? Zurück. Glasröhre. Hell. Warm. Hauptglaskasten. Das Blaue Sofa. YouTube. Kamera. Essen. Weiter, immer weiter. Fern der Geruchsschwaden, die wie Nebel durch die Luft zu den riechenden Nasen wandern. Vorbei an erstarrten Menschenmassen. Vorbei an halbbekleideten Vollblut-Cosplayern. Eher schlecht als recht.
Auf der Suche nach dem Weg, doch das Ziel ist unbekannt. Glasröhre. Heller. Kühl. Dunkel. Reformation-Revolution? 500 Jahre. Martin Luther. Gutenberg- Museum. Drucken. Papier. Buchdruck. Der Druck der Presse überträgt das 500-jährige Erbe mit geballtem Wissen Letter für Letter auf das Leinenpapier. Mein Druck. Bitte sehr, ich hoffe, Sie mögen den Druck. Mögen? Lieben! Und so, müssen Sie sich vorstellen, haben die Buchdrucker im 16. Jahrhundert die Bibel vervielfältigen können. So hat der berühmteste Sohn Mainz‘ die Bibel für viele Menschen erschwinglich gemacht.
16:28 Uhr. Rote Wände. Wann war nochmal Schluss? 17 Uhr am Bus sein. Noch einmal zum WC. Haben wir sie verloren? Nein, da ist sie doch. Lasst uns losgehen. Wohin? Zum Ausgang. Sicher? Sicher.
Glasröhre. Hell. Warm. Die Sonne scheint wie ein schwefelfarbener Feuerball am Himmel. Dunkel. Sie sind hier. Da will ich hin. Ich habe es verstanden! Wie komme ich nur wieder aus diesem Glaskasten raus? Wer im Glashaus sitzt, der… hat Hunger! Langnese-Eis. Nein. Flaggen. 24, 25, 26. Die Cosplayer haben sich verändert, Perlenschnur ist immer noch intakt.
Hell. Dunkel. Kühl. Nass. Nass? Nass! Auf meinem Rücken breitet sich ein verräterischer Fleck aus. Wie kannst du nur? Mein Rucksack bekennt sich schuldig zu dieser Misere. Eine Wasserflasche konnte es wohl nicht mehr abwarten und wollte sich endlich Luft machen. Wie wunderbar, dass Oberteile so empfänglich für jede Art von Flecken sind.


Menschenmassen bewegen sich in einem nicht wahrnehmbaren Rhythmus Richtung Ausgang. Gedränge. Rote Wände. Applaus. Farbenfrohe Poster pflastern die Wände. So dicht, als wären sie Tapeten aus verschiedensten Herkunftsländern. Sie schreien in ihrer eigenen Sprache die Informationen dem Leser entgegen. Drehkreuz defekt. Tageskarte. Daily ticket. Raus.
Hast du deine Karte verloren? Oh, nein. Bist du sicher? Nein. Schau noch mal in deine Taschen. Ja, auch im Rucksack.
Leipzig liest. Drücken. Luft. Sauerstoff. Hell. Freiheit. Dem Schaukasten entronnen. Zum Bus. Mit meiner Tasche. Stolz wie Oskar. Hübsche Tasche. Parkplatz. Rot. Schwarz. Dresden. Uelzen. Silber. Audi. Opel. Volkswagen. Bus!
Dem Buchstabenchaos entflohen. Überlebend. Mit der Tasche zum Triumph.

Marie Viktoria Sinok
30.03.2017
Deutsch LK Abi 2018